Begründungen in der Umweltethik –
Welche Lebewesen haben einen moralischen Wert?

Haben wir gegenüber der Natur und anderen Lebewesen moralische Verpflichtungen? Und was würden solche Verpflichtungen für unser Handeln bedeuten? Mit diesen und anderen Fragen beschäftigt sich die Umwelt- bzw. Naturethik. Hier gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, welche Lebewesen oder Naturerscheinungen als moralisch wertvoll gelten und welche nicht. Kann eine Pflanze einen moralischen Wert haben? Und gibt es auch moralische Verpflichtungen gegenüber Ökosystemen?

Goldener Schnitt

Im Anthropozentrismus wird nur dem Menschen ein Eigenwert zugeschrieben.

Foto: Wikimedia Commons

Hirsch

Im Pathozentrismus wird nur empfindungsfähigen Tieren ein Eigenwert zugeschrieben.

Foto: Luc Viatour, Wikimedia Commons

Rose

Im Biozentrismus kann auch Pflanzen ein Eigenwert zugeschrieben werden.

Foto: Institut TTN

Berggipfel

Im Ökozentrismus kann Ökosystemen oder auch Naturelementen wie Bergen ein Eigenwert zugeschrieben werden.

Foto: Institut TTN

In der Umweltethik gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Lebewesen Träger eines Eigenwertes bzw. intrinsischen Wertes sind und insofern nur um ihrer selbst willen zu beachten bzw. zu schützen sind, nicht aber aus instrumentellen oder ästhetischen Gründen. Je nachdem, welchen Organismen, Lebensformen oder Naturerscheinungen (zusammenfassend als Entitäten bezeichnet) ein Eigenwert zugeschrieben wird, unterscheidet man verschiedene Positionen in der Umweltethik. Dies sind der Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus und der Ökozentrismus.

Anthropozentrismus

Wird nur dem Menschen ein Eigenwert zugeschrieben, spricht man vom Anthropozentrismus (von griech. anthropos für Mensch). Alle nichtmenschlichen Lebewesen oder Naturerscheinungen haben keinen Eigenwert, sondern nur einen instrumentellen oder ästhetischen Wert für den Menschen. Natur- bzw. Umweltschutz ist aus anthropozentrischer Sicht nur dann sinnvoll, wenn er dem Menschen einen Nutzen bringt. Wenn beispielsweise die Artenvielfalt erhalten werden soll, dann nicht, weil sie in sich wertvoll ist, sondern weil sie eine Bedeutung für den Menschen hat und möglicherweise für den Fortbestand der Menschheit notwendig ist. Immanuel Kant (1724–1804) begründete Tierschutz etwa damit, dass es ansonsten zu einer Verrohung des Menschen kommen würde. Demnach bestehen keine direkten Pflichten Tieren gegenüber, wohl aber anderen Menschen und sich selbst gegenüber.

Pathozentrismus

Wird allen leidensfähigen Lebewesen, also Menschen und empfindungsfähigen Tieren, ein Eigenwert zugesprochen, befindet man sich in der Position des Pathozentrimus (von griech. pathos für Leid). Der Pathozentrismus fordert die Vermeidung von Leid als Maßstab für die Bewertung von Handlungen. Voraussetzung für Empfindungs- bzw. Leidensfähigkeit ist die Möglichkeit eines Lebewesens, eigene Bedürfnisse oder Gefühle äußern sowie Lust und Leid erleben zu können. Werden diese Kriterien erfüllt, kann man Lebewesen eigene Interessen zuschreiben, insbesondere das Interesse der Leidensvermeidung. Ausgehend vom Pathozentrismus lässt sich die Notwendigkeit des Tierschutzrechts ableiten. Einflussreiche Vertreter des Pathozentrismus, aber mit jeweils unterschiedlichen moralphilosophischen Ansätzen, sind Peter Singer (* 1946) und Tom Regan (* 1938).

Biozentrismus

Vom Biozentrimus (von griech. bios für Leben) spricht man, wenn alle Lebewesen Träger eines Eigenwertes sind, also sowohl Menschen wie auch Tiere, Pflanzen, Algen, Pilze und Bakterien. Albert Schweitzer (1875–1965) gilt als wohl bekanntester Vertreter eines Biozentrismus. Man unterscheidet verschiedene Formen des Biozentrismus: Wird allen Lebewesen der gleiche Eigenwert zugestanden, spricht man von einem egalitären Biozentrismus, während man von einem hierarchischen Biozentrimus spricht, wenn Lebewesen ein unterschiedlicher, d. h. abgestufter Wert zugeordnet wird. Die Hierarchisierung kann sich beispielsweise an der sogenannten scala naturae ausrichten, also einer Stufenleiter des Lebens, beginnend mit Bakterien, Pilzen und Algen über Pflanzen bis hin zum Tierreich und dem Menschen.

Ökozentrismus

Im Ökozentrimus (von griech. oikos für Haus, Haushalt) – man spricht bisweilen auch vom Holismus – wird allen Bestandteilen der Natur, ob unbelebt oder belebt, ein Eigenwert zugemessen. Entsprechend dieser Positionen können Tier- und Pflanzenarten wie auch Flüsse oder Berge und ganze Ökosysteme samt ihrer Bestandteile Träger eines Eigenwertes sein. Auch der Eigenwert der Biodiversität lässt sich ökozentrisch begründen. Um den Eigenwert beispielsweise eines Ökosystems zu erhalten, ist es notwendig, auch seine einzelnen Bestandteile zu schützen, auch wenn diese selbst keinen Eigenwert haben. Solche Vorstellungen, dass das Ökosystem als Ganzes zu schützen ist und einzelne Tiere und Pflanzen zu diesem Ganzen beitragen, bezeichnet man auch als Holismus. Bedeutende Vertreter des Ökozentrismus sind Aldo Leopold (1887–1948) und Arne Næss (1912–2009).

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