Anbau von gentechnisch verändertem Mais –
Ist Koexistenz möglich?

Wenn der 1507-Mais in der EU zugelassen sein sollte, könnte es sein, dass auch in Deutschland Landwirte ihn nutzen und auf ihren Feldern ausbringen wollen. Dann müssten sie jedoch zahlreiche Regeln einhalten, mit denen Vermischungen und Einkreuzungen in konventionelle Maisprodukte vermieden werden sollen. Doch ob eine solche Koexistenz von „gentechnischer“ und konventioneller Erzeugung überhaupt möglich ist, darüber gehen die Meinungen ziemlich auseinander.

Koexistenz grundsätzlich

Koexistenz bedeutet, dass eine Landwirtschaft ohne Gentechnik auf Dauer erhalten bleibt, auch wenn in einem Land oder einer Region gv-Pflanzen angebaut werden. Um das zu gewährleisten, gibt es auf EU-Ebene, aber auch in den einzelnen Mitgliedsstaaten zahlreiche Vorschriften und Regeln. Sie sollen dafür sorgen, dass es entlang der gesamten Produktionskette nicht zu unkontrollierten Vermischungen kommt. Das beginnt bei der Saatguterzeugung, geht über den landwirtschaftlichen Anbau, die Ernte, den Transport und die Lagerung bis zur Verarbeitung in den Unternehmen der Lebens- und Futtermittelindustrie.

Ziel dabei ist, solche Einkreuzungen oder Vermischungen auf ein - politisch beschlossenes - Minimum zu reduzieren. Der Schwellenwert, bis zu dem zufällige, technisch unvermeidbare Beimischungen von zugelassenen GVO ohne Kennzeichnung zu tolerieren sind, beträgt 0,9 Prozent. In der Praxis bleiben mögliche Beimischungen in Futter- und Lebensmitteln weit unterhalb dieses Wertes.

Viele Verbraucher, besonders wenn sie Gentechnik bei Lebensmitteln ablehnen, verstehen unter Koexistenz ein vebrieftes Recht auf absolut „gentechnik-freie“ Produkte. Eine hundertprozentige „GVO-Freiheit“ wäre jedoch in einem „offenen System“ wie der Natur nur dann erreichbar, wenn die Anwendung von gv-Pflanzen grundsätzlich und in allen Ländern, die sich am internationalen Agrarhandel beteiligen, verboten würde. Selbst wenn es dafür politische Mehrheiten gäbe - Europa kann sich nicht vollständig von der übrigen Welt abschotten.

Gv-Mais: Anbauregeln in Deutschland

In Deutschland sind die Vorschriften für Anbau und Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen - und gv-Mais im besonderen - in einer Verordnung über die Gute fachliche Praxis festgelegt. Landwirte, die etwa 1507-Mais auf ihren Feldern ausbringen wollen, müssen etwa

  • die betreffenden Flächen spätestens drei Monate vor der Aussaat in das öffentliche Standortregister beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) eintragen;
  • benachbarte Betriebe über das Vorhaben informieren;
  • zu den nächsten konventionellen Maisfeldern einen Mindestabstand von 150 Meter (bei ökologisch wirtschaftenden Betrieben 300 Meter) einhalten;
  • sich bei der zuständigen Naturschutzbehörde nach möglichen Konflikten mit Naturschutzauflagen erkundigen.

Zudem sind beim Umgang mit Saatgut, bei Ernte, Transport und Lagerung des Ernteguts sowie bei der Reinigung von Maschinen besondere Vorschriften zu beachten. Sollte es bei Nachbarbetrieben zu Schäden und wirtschaftlichen Einbußen durch GVO-Einträge kommen, haftet der gv-Mais anbauende Landwirt „gesamtschuldnerisch und verschuldensunabhängig“ - also auch dann, wenn er alle Auflagen eingehalten hat. Wegen dieses Haftungsriskos rät der Deutsche Bauernverband derzeit vom Anbau von gv-Mais ab.

Wie weit fliegt Maispollen?

Mais produziert in seinen männlichen Blüten zwar große Mengen Pollen, doch er ist schwer und befruchtet in erster Linie weibliche Blüten in der Nähe. Insekten spielen bei der Befruchtung kaum eine Rolle, da die Maisblüten nicht attraktiv sind und kaum angeflogen werden.

Um angemessene Mindestabstände zu finden, wurden zahlreiche Untersuchungen zu Pollenflug und Einkreuzungsverhalten bei Mais durchgeführt.

  • Nach der Auswertung zahlreicher Einzelstudien durch das „Europäische Koexistenz-Büro“ bei der EU-Kommission reicht bei Körnermais ein Abstand von 15 bis 50 Metern, um GVO-Einträge unter 0,9 Prozent zu halten. Bei Silomais reichen sogar null bis 25 Meter.
  • Beim Erprobungsanbau, 2004 und 2005 an 30 Standorten in Deutschland, auch in Bayern, durchgeführt, zeigte sich, dass in der Regel nach 20 Metern die GVO-Einträge unter 0,9 Prozent blieben.
  • Bei einer mehrjährigen Versuchsreihe des Bundeslandwirtschaftsministeriums kam es in einzelnen Fällen bei 50 Metern zu einer Überschreitung der 0,9-Prozent-Schwelle. Bei 150 Metern blieben die GVO-Einträge jedoch deutlich unter diesem Wert.


Ferntransport von Pollen

Unter bestimmten Umständen - bei Wind, Thermik oder starken Luftströmungen - können Maispollen über große Entfernungen verfrachtet werden. Dabei „verdünnt“ sich der Pollen und verteilt sich über eine größere Fläche. Zwar kann es zu GVO-Einkreuzungen in andere Maispflanzen kommen, auch wenn diese mehrere Kilometer vom gv-Maisfeld entfernt sind. Doch: Dieses bleiben einzelne, zufällige Ereignisse. In der Maisernte sind sie kaum oder gar nicht messbar.

Maispollen im Honig

Maisblüten sind zwar für Bienen wenig attraktiv. Dennoch werden sie von Bienen angeflogen, da sie den Pollen als Nahrung für die Aufzucht der Bielenlarven benötigen. Wird gv-Mais angebaut, ist davon auszugehen, dass Pollen aus diesen Pflanzen in den Bienenstock und von dort - wenn auch nur in sehr geringen Mengen - in den Honig gelangen kann. Der Flugradius von Bienen beträgt etwa zwei, in manchen Fällen auch fünf Kilometer.

In der Regel ist der Anteil an GVO-Pollen im Honig selbst in der Nähe von Feldern mit gv-Mais so gering, dass er im Honig nicht messbar ist. Ist der betreffende gv-Mais in der EU uneingeschränkt als Futter- und Lebensmittel zugelassen, sind auch „zufällige, technisch unvermeidbare“ Beimischungen von GVO-Pollen im Honig erlaubt. Da sie weit unterhalb des Schwellenwerts bleiben, ist eine Kennzeichnung nicht vorgeschrieben.

Ob allerdings der Anbau von 1507-Mais - oder anderer gv-Maispflanzen - überhaupt in Deutschland erlaubt wird, erscheit derzeit fraglich. Künftig können EU-Mitgliedsstaaten den Anbau von gv-Pflanzen - nachdem diese in der EU zugelassen und damit als sicher eingestuft wurden - auf ihrem Gebiet ganz oder teilweise verbieten. Auch Deutschland hat bereits angekündigt, diese Option im Fall von 1507-Mais zu nutzen. Noch ist allerdings nicht entschieden, ob solche Verbote bundesweit gelten oder von einzelnen Bundesländern ausgesprochen werden. Bis zur Aussaat 2015 soll das Gentechnik-Gesetz entsprechend geändert werden.

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