Mais-Gerste

Koexistenz – Ist ein Nebeneinander verschiedener landwirtschaftlicher Systeme möglich?

Unterschiedliche landwirtschaftliche Systeme – ökologische, konventionelle mit und ohne Gentechnik – sollen auf Dauer nebeneinander bestehen können, ohne ihren Grundcharakter zu verlieren. Das ist in der Europäischen Union ein allgemein anerkanntes politisches Ziel. Es gibt zahlreiche Rechtsvorschriften, um über die gesamte Warenkette vom Saatgut bis zum Endprodukt eine Trennung der Systeme zu gewährleisten und eine gegenseitige Vermischung zu unterbinden. Doch: In der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Grüne Gentechnik gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen von „Koexistenz“.

Gentechnisch veränderte Pflanzen: Anbauflächen weltweit 1996-2014 in Mio. Hektar

Grüne Gentechnik in Zahlen

Anbauflächen mit gentechnisch veränderten Pflanzen weltweit: 181 Millionen Hektar (zum Vergleich: Gesamtfläche Deutschland: 36 Millionen Hektar.

Anbau gv-Pflanzen in Europa: 143.000 Hektar (davon 92% in Spanien, übrige Länder Portugal, Tschechien, Slowakei, Rumänien)

Anbau in Deutschland: Verbot des in der EU zugelassenen gv-Mais MON810 seit 2009, Anbau der gv-Kartoffel Amflora 2012 eingestellt.

Import Sojarohstoffe in die EU: 35-40 Millionen Tonnen im Jahr. Erzeugerländer: Brasilien (GVO-Anteil: 93%), Argentinien (100%), USA (94%). Verwertung überwiegend als Futtermittel.

Grafik: i-bio/transgen.de; Zahlen 2014

Vermischungen von Produkten oder Stoffen aus den verschiedenen landwirtschaftlichen System sind auf nahezu allen Stufen der Erzeugung möglich: Bei Vermehrung und Vertrieb des Saatguts, beim Anbau auf dem Feld durch Auskreuzung auf andere Kulturpflanzen derselben Art, bei Ernte, Transport, Lagerung und Verarbeitung bis hin zum fertigen Produkt.

Koexistenz – eben die Vermeidung solcher Vermischungen – ist in der Landwirtschaft keine neue Aufgabe. Es gibt einige Erfahrung, wie unterschiedliche Stoffe oder Systeme separiert werden können. So soll sich etwa Raps, der für Futter- und Lebensmittel verwendet wird und bei dem deshalb bestimmte ungenießbare Bitterstoffe (Erucasäure) „weggezüchtet“ wurden, nicht mit Raps für technische Zwecke vermischen, der eben diese Bitterstoffe enthält. Auch bei der Erzeugung von Saatgut wird ein hohes Maß an Reinheit angestrebt, da es keine Beimischungen anderer Sorten oder Fremdstoffe enthalten soll.

Brisant ist Koexistenz vor allem, wenn es um das Nebeneinander gesellschaftlich strittiger landwirtschaftlicher Formen geht – in früheren Jahren betraf das vor allem Konflikte zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft, heute den Anbau mit und ohne Gentechnik.

Viele, die Gentechnik aus Überzeugung ablehnen, erwarten Produkte – Saatgut, Futter- oder Lebensmittel –, die nicht nur ohne Gentechnik erzeugt wurden, sondern auch absolut frei von GVO-Spuren und Beimischungen sind. Eine Koexistenz wäre aus dieser Sicht nur dann gegeben, wenn eine hundert-prozentige „Gentechnik-Freiheit“ gewährleistet werden könnte.

Doch in der Natur gibt es keine strikten Grenzen und die Landwirtschaft arbeitet nicht in einem geschlossenen System. Zufällige Einträge oder Beimischungen können zwar weitgehend vermieden werden, aber auszuschließen sind sie nicht. Garantiert „gentechnik-freie“ Produkte“ sind nur möglich, wenn die Anwendung von gentechnisch veränderten Pflanzen grundsätzlich und in allen Ländern, die sich am weltweiten Agrarhandel beteiligen, verboten würde. Doch das ist international weder politisch durchsetzbar, noch rechtlich oder ökonomisch möglich. Europa kann sich nicht von der übrigen Welt, in der gentechnisch veränderte Pflanzen auf weiter steigenden Flächen angebaut werden, abschotten.

Gentechnik und Koexistenz: Grundsätze der europäischen Rechtsvorschriften

Den europäischen Rechtsvorschriften zur Gentechnik liegt ein weniger absolutes Verständnis von Koexistenz zugrunde. Kernpunkte dabei sind:

  • Eine dauerhafte, stabile Trennung der landwirtschaftlichen Systeme mit und ohne Gentechnik;
  • keine Anreicherung mit GVO-Bestandteilen über die gesamte Warenkette;
  • Beimischungen und Einkreuzungen von GVO-Bestandteilen sind auf ein gesellschaftlich akzeptables und ökonomisch vertretbares Mindestmaß zu beschränken;
  • zufällige, technisch unvermeidbare Beimischungen sind zu tolerieren, sofern sie unterhalb des Schwellenwerts von 0,9 Prozent bleiben und der betreffende GVO in der EU zugelassen und damit als sicher eingestuft ist;
  • strenge Anforderungen an Reinheit von Saatgut: es darf nicht ausgebracht werden, wenn es GVO-Beimischungen enthält;
  • Nulltoleranz für nicht zugelassene GVO in Lebensmitteln (bei Futtermitteln gilt die technische Nachweisprenze von 0,1 Prozent als Obergrenze).

Alle Rechtsvorschriften – auch der 0,9-Prozent-Schwellenwert für zufällige, technisch unvermeidbare GVO-Beimischungen – wurden in der EU mit den erforderlichen Mehrheiten von Europäischem Parlament und den Mitgliedsstaaten beschlossen.

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