Forschung und Öffentlichkeit

Gerade beim Thema der neuen gentechnischen Methoden für den Pflanzenanbau schneiden die daran beteiligten Wissenschaften oft schlecht ab. Oftmals wird ihnen ein Machbarkeitswahn unterstellt, der der Devise folgt: Alles, was im Labor möglich ist wird, kommt ohne Einschränkungen auch in der Umwelt zum Einsatz. Dabei wird übersehen, dass sich die Forschungsfreiheit zentralen wissenschaftsethischen Prinzipien verdankt, die Skepsis und Kritik innerhalb der Wissenschaften organisieren und auch öffentlich kommunizieren. Wege einer wissenschaftlich begründeten Bewertung können in der Gesellschaft dann auf Zustimmung stoßen, wenn sie den Einsatz einer Technik differenziert beurteilen und dabei zugleich für politische Kompromisse offen sind.

Die Verfahren des Genome Editing haben die biotechnologische Pflanzenforschung revolutioniert. Verändert hat sich aber nicht nur der „Baukasten der Gentechnik“. Auch in der Öffentlichkeit wird über die neuen gentechnischen Methoden für die Landwirtschaft anders als noch in den 2000er Jahren gesprochen. Selbst Rituale der Kommunikation haben offensichtlich ein Verfallsdatum. Zugleich kann man beobachten, dass die Fortschritte auf dem Gebiet der Molekularbiologie auf eine veränderte Erwartungshaltung der Öffentlichkeit gegenüber der Forschung treffen. Nicht nur fachliche Exzellenz und technische Machbarkeit gelten als Kriterien einer „guten“ Wissenschaft, sondern ebenso ihre sozialintegrative Funktion, die weit mehr bezeichnet als Akzeptanz – nämlich: Partizipation und Teilhabe am gesellschaftlichen Fortschritt.

Neue wissenschaftspolitische Konzepte wie „Responsible Research and Innovation“ (RRI) und „Citizen Science“ dokumentieren das veränderte Verständnis der Beziehung von Wissenschaft und Gesellschaft. Mit dem „Fahnenwort“ der Innovation wird gegenwärtig versucht, diese neue Verortung von Forschung in der Öffentlichkeit mit Hilfe der positiv besetzten Leitmetapher der „Kreativität“ sowohl politisch als auch sozial anschlussfähig zu gestalten: Wenn es der modernen Pflanzen- und Agrarforschung gelänge, so die Hoffnung, „schöpferisches Wachstum“ und ausreichenden Ertrag in eine bessere und vor allem nachhaltige Balance zu bringen, dann könnte dies zur Folge haben, dass die Bürger diese Forschung als wichtige Aufgabe in ihrer Gesellschaft bejahen.

Gesellschaftliche Wahrnehmungen der „grünen Gentechnik“

Ist diese Erwartung berechtigt? Zieht man die regelmäßigen Umfragen des sogenannten Wissenschaftsbarometers zu Rate, dann wird deutlich, dass das grundsätzliche Vertrauen der Bevölkerung in Wissenschaft und Forschung nach wie vor hoch ist. Zugleich nehmen aber skeptische Einstellungen und eine Haltung der Unentschlossenheit gegenüber deren Leistungsfähigkeit zu. Dramatisch zeigt sich dies beim Thema der „grünen Gentechnik“. Hier sind nur knapp 20 % Prozent der deutschen Bevölkerung der Ansicht, dass man Wissenschaftlern vertrauen kann. Und diese Skepsis der Bürger ändert sich auch dann nicht, wenn man die beiden zentralen globalen Nachhaltigkeitsziele der Erreichung von Ernährungssicherheit und die Beendigung des Hungers in Rechnung stellt. Laut dem „TechnikRadar 2020“ ist selbst in diesem Fall nur jeder fünfte Bürger der Meinung, dass die Probleme der Welternährung es erforderlich machen, Strategien der Bioökonomie wie z.B. gentechnische Methoden bei der Pflanzenzüchtung verstärkt einzusetzen.

Wie sind diese Ergebnisse einzuordnen? Schließen sich Kritik einerseits und Vertrauen in die Forschung andererseits gegenseitig aus? Ist es möglich, Innovation und Verantwortung in einer konstruktiven Zusammenhang zu bringen? Und welchen Beitrag könnten ethische Überlegungen zum Ethos der Forschung hier spielen?

Das Ethos der Forschungsfreiheit

Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

Grundgesetz Art 5, Abs. 3

Es ist ein Missverständnis, Skepsis und Ambivalenz gegenüber technischen Innovationen mit Misstrauen gegenüber der Wissenschaft gleichzusetzen. Zumindest widerspricht dies dem normativen Selbstverständnis von Forschung, wie dies in paradigmatischer Weise von dem Soziologen Robert K. Merton bereits in den 1940er Jahren formuliert worden ist. Merton definierte vier Normen für die Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft, wobei die beiden ersten Imperative mit den Begriffen Universalismus und Kommunismus die prinzipielle Offenheit der Wissenschaft für ihre öffentliche Thematisierung hervorgeheben. Demnach sind Wahrheitsansprüche unabhängig von der sozialen Herkunft der Forscher zu beurteilen. „Kommunistisch“ nennt er zudem den Grundsatz, dass die Resultate der Wissensproduktion offen zugänglich sind, so dass prinzipiell jedermann daran teilhaben kann und der Fortschritt wissenschaftlicher Arbeit gesichert ist.

Damit einher gehen zwei weitere Normen, für die Merton ebenfalls öffentliche Anerkennung beansprucht. Zum einen habe Forschung uneigennützig bzw. desinteressiert zu erfolgen, was die Erarbeitung und Geltung von Forschungsergebnissen unabhängig von wirtschaftlichen und politischen Verwertungszusammenhängen, aber auch moralischen Ansprüchen bezeichnet. Als viertes Kriterium benennt Merton die organisierte Skepsis als Implikat der Forschungsfreiheit, womit er die vorbehaltlose Bereitschaft einfordert, wissenschaftliche Beiträge anhand methodischer und theoretischer Kriterien zu kritisieren bzw. hinterfragen zu können. An dem Zusammenwirken dieser vier Normen wird deutlich: Im Raum der Wissenschaft bilden die Prinzipien von Kritik bzw. Skepsis und Vertrauen keine Gegensätze, sondern einen unlösbaren Zusammenhang. Daran könnten Konzepte wie „Responsible Research and Innovation“ (RRI) anknüpfen.

Damit das gesammelte Wissen und die daraus resultierenden Einsichten den Bürgern als Grundlage ihrer politischen Überlegungen und Debatten etwas taugen, muss Wissenschaft in einer Demokratie frei und unbeeinflusst sein.

Torsten Wilholt

Merton ist zwar die Ansicht, dass die von ihm genannten Normen als individuelle Wertorientierungen der Forscher angesehen werden können. Allerdings versteht er sie vor allem als institutionelle Anforderungen an das System der Wissenschaft, das diese Normen auf dem Wege der Professionalisierung sicherzustellen hat. Das Ethos des Forschers verwirklicht sich vor allem als strukturell verfasstes Ethos der Forschung. Die damit einhergehende Verwissenschaftlichung gesellschaftlicher Problembearbeitung zeitigt allerdings Konsequenzen, die ihre Offenheit und vor allem Verständlichkeit im demokratischen Diskurs erschweren. So weisen Wissenssoziologen darauf hin, dass die Entstehung von Expertenkulturen, die der kritischen Erarbeitung gesicherten Wissens dienen, auf der Ebene der Gesellschaft zu neuen Formen gesellschaftlicher Exklusion führen: „Die zeitliche und sachliche Offenheit der Wissenschaft vollzieht sich somit paradoxerweise durch ihre soziale Schießung.“ (Sascha Dickel) Denn gesellschaftliche Partizipation am Fortschritt der Forschung ist nur demjenigen möglich, der auch dazu in der Lage ist, die wissenschaftlichen Zusammenhängen angemessen verstehen zu können. Wo dies aufgrund der Komplexität der Forschung nur schwer realisierbar ist, wächst bei den politischen Akteuren die Neigung zur Komplexitätsreduktion qua Moralisierung.

Gerade auf dem Gebiet der biotechnologischen Pflanzenforschung kann man dies gut studieren. Metaphern wie die „Manipulation des Lebens“ oder „Frankenfood“ befördern beim Thema Gentechnik eine Verengung des Diskurses auf Stereotype technokratischer Forschung und gemeinschaftsschädlicher Konzerninteressen. An die Stelle wissenschaftlicher Kritik tritt die Diskussion von legitimen oder illegitimen Interessen sowie von Werten, die eine einfach Unterscheidung in „gut“ und Böse“ möglich machen. Komplexitätsreduktion durch Verlagerung von Wissenskonflikten auf die Ebene von Interessens- oder Wertkonflikten ist gerade in der öffentlichen Debatte um die Gentechnik eine häufig anzutreffende Kommunikationsstrategie. An dieser Entdifferenzierung hat die öffentliche Berichterstattung zum Thema „Gentechnik“ einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Komplexitäts-reduktion durch Verlagerung von Wissenskonflikten auf die Ebene von Interessens- oder Wertkonflikten ist gerade in der öffentlichen Debatte um die Gentechnik eine häufig anzutreffende Kommunikations-strategie.

Jedenfalls ist es selbst für den interessierten Bürger nicht immer einfach, die in den Medien thematisierten Bedrohungen der Landwirtschaft durch Gentechnik oder aber – umgekehrt – die durch sie lancierten szientistischen Heilsversprechen der Industrie auf die Regeln einer Aufmerksamkeitsökonomie zurückzuführen, deren Logik man beklagen, aber wohl nicht entkommen kann. Dann wird man aber die mediale Kommunikation über Wissenschaft nicht einfach mit ihrer Wahrheit gleichsetzen, sondern ihre unvermeidbare Perspektivität und Wächterrolle als Chance für einen kritischen Diskurs zu schätzen wissen. Auch für das medial aufbereitete Wissen gilt das Diktum von Niklas Luhmann, dass man „alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren zu versehen hat – und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen muss.“

Ethische Vermittlungen bei der wissenschaftlichen Bewertung

Kann eine ethische Reflexion der neuen technischen Verfahren des Genome Editing in dieser Situation weiterführen? Welche Funktion übernimmt sie für die Hermeneutik der Konflikte? Und wie verhalten sich Forschung und Ethik zueinander, wenn es darum geht, die innovative Seite der Wissenschaften zu fördern?

Von überragender Bedeutung ist offensichtlich die Unterscheidung der drei Konfliktebenen, die in der öffentlichen Diskussion oftmals einfach überblendet werden: Fragen einer wissenschaftlichen Risikoforschung sind nicht moralisch zu lösen. Und Aspekte der Gerechtigkeit oder der Hochschätzung des Werts der Natürlichkeit sind nicht einfach durch Optimierungen qua Technik zu erreichen. Alles, was machbar ist, ist nicht darum schon gut zu nennen. Aber das Gute ist ohne die Pragmatik des „Machbaren“ auch nicht ins Werk zu setzen. Diese an den Schnittstellen von Technik, Ökonomie und Ethik auftretenden Aporien sind wohl nicht prinzipiell zu lösen.

Die Ebenen in der öffentlichen Kommunikation zu unterscheiden, wird auch nicht dazu führen, sie voneinander abzuschotten. Denn was man unterscheiden kann, bleibt darin doch aufeinander bezogen. Am ehesten erscheint es für die öffentliche Kultur der Auseinandersetzung förderlich, gemeinsame Ziele zu formulieren und gute Kompromisse in den Blick zu nehmen, deren Eignung für die Erreichung einer nachhaltigen Landwirtschaft überprüft werden können. Eine verantwortliche Ethik wird auch hier den provisorischen Status bioökonomischer Innovation ernst nehmen und Spielräume experimenteller Praxis empfehlen, die ein verantwortliches Probehandeln dann ermöglichen, wenn die dabei eingesetzte Technik unter dem Gesichtspunkt ihrer Fehlerfreundlichkeit justiert wird.

Dabei helfen könnte eine stufenweisen Bewertung neuer gentechnischer Verfahren für den Einsatz in der Landwirtschaft, die das Ziel verfolgt, Techniken nach ihrer „kulturellen Eingriffstiefe“ und den ihnen innewohnenden Veränderungspotenzialen zu differenzieren und dabei zu fragen, inwiefern neue Verfahren mit bewährten Techniken vergleichbar sind. Dieses komparative Vorgehen erscheint aus ethischer Sicht vor allem deshalb als vorzugswürdig, weil es der Eigenart von Innovationen entspricht, wie dies der Philosoph Bernhard Waldenfels treffend formuliert hat: „Das Paradox der Innovation liegt darin, daß sie etwas voraussetzt, das sie erneuert. Sie bricht mit der Vergangenheit, indem sie sie fortsetzt, und setzt sie fort, indem sie den Gang der Dinge unterbricht.“

Stephan Schleissing


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